JULCHENS WELT atelier-pferdestube - DAS ALTE ÖRGELI eine fast wahre Geschichte
   
 
  DAS ALTE ÖRGELI eine fast wahre Geschichte
                              DAS ALTE ÖRGELI



                                                   
Eines Tages hörte Julchen ein merkwürdiges quietschen, welches fast wie ein Wimmern oder Weinen klang. Neugierig folgte Sie diesen Tönen, und stellte fest, dass es vom Dachboden her kam. Julchen stellte die Leiter bereit, und kletterte vorsichtig die Sprossen hoch, um dann mit aller Kraft, die schwere Klappe zum Dachboden zu öffnen. 
Das Wimmern war nun deutlich zu hören, und manches Quitschen klang schrecklich!
Julchen knipste das Licht der alten Dachbodenlampe an und traute Ihren Augen kaum. In einem Korb winkte Ihr ein alter Teddybär zu und das Rösslein Hü schnaubte und wieherte. "Endlich, endlich kommst Du! " riefen die Beiden. "Das alte Örgeli ist krank, und wird sterben, wenn Du ihm nicht hilfst." Julchen war immer noch sprachlos und wusste nicht so recht, ob sie das alles nur träumt. Aber nein, es war Wirklichkeit! In der Mitte des Dachbodens lag ein verstaubtes, zerkratztes und sehr altes Handörgeli. Es hustete fürchterliche Töne. "Bitte hilf mir. Seit Jahren liege ich hier. Staub und Feuchtigkeit haben meinen Balg beschädigt, so dass ich kaum sprechen kann. Die Hitze des Sommers lässt das Holz des Gehäuses schrumpfen, und hat Risse verursacht. Die Kälte des Winters hat den Lack beschödigt." Julchen kamen die Tränen. Das alte Örgeli tat ihr furchtbar leid. Sie beschloss es nach unten die warme Stube zu nehmen. Vielleicht täte ein heisser Kakao dem Örgeli gut? 
Der Holzherd bullerte schon lange gemütlich vor sich hin und das Tannenholz knisterte fröhlich. Julchen stellte das Örgeli auf den uralten, runden Holztisch, und setzte einen Topf Milch auf. Nun fing das Örgeli an zu erzählen. Julchen setzte sich auf ihren Stuhl und hörte zu.



" Geboren wurde ich in Bern im Musikhaus W.Bestgen und Sohn. Das genaue Datum weiss ich nicht mehr, aber es war wohl so um 1930 herum. Du hättest mich sehen sollen!" sagte das Örgeli stolz. "Das Gehäuse glänzte in tiefschwarzem Lack, die verzierten Diskantverdecke waren in rot-oranger Färbung und der Balg mit wunderschönem, rosa Papier bezogen. Silberfarbene Beschläge gaben mir etwas edles ohne protzig zu wirken. Ich war einfach gemacht, aber wunderschön. Meine Stimme hatte einen klaren, hellen und vielleicht auch etwas melancholischen Klang. Mir wurden Stimmplatten von Dix eingesetzt. Die gehörten zu den Besten damals. So habe ich es zumindest gehört von den Menschen, die mich herstellten." 
Julchen schaute auf den Topf mit der Milch, damit sie nicht verpasst, diesen wegzuziehen, bevor die Milch überkocht. Aber es war noch nicht soweit. Das Örgeli erzählte mit heiserer Stimme weiter:
"Eines Tages, ich war an einem sehr schönen Platz im Schaufenster des Musikhauses ausgestellt, da kam ein kleines Mädchen vorbei. Ungefähr in Deinem Alter, und sie hatte auch solche Zöpfe wie Du. Überhaupt, Du erinnerst mich sehr an sie." Dem Örgeli liefen die Tränen am Balg herunter. Julchen trocknete sie weg, damit der Balg nicht feuchter wird, als er eh schon war.
"Das Mädchen kam jeden Tag an das Fenster, und schaute mich an. Ich glaube, ich hatte mich verliebt in sie," sagte das Örgeli, und lächelte ein wenig. 
"Eines Tages kam das Mädchen mit seiner Mutter, und kauften mich. Ich wurde vorsichtig in eine Holzkiste gelegt, und durfte mit zu Pauline nach Hause. Ja, Pauline hiess das Mädchen."
Das Örgeli schniefte ein wenig, und Julchen hörte, wie die Milch zischte. Oh weh! Schnell den Topf wegziehen, bevor der Milchschaum auf den Herd kommt!
Julchen holte eine riesige Tasse und den Kakao. Fünf grosse Esslöffel Kakaopulver und fünf grosse Esslöffel Zucker tat sie in die Tasse. Dann kippte sie die heisse Milch hinein und rührte alles gut um. "Weisst Du was?" sagte Julchen zum Örgeli. " Jetzt hole ich zwei Strohhalme, und wir machen Blasen in dem Kakao. Das macht riesig Spass!" Das alte Örgeli schaute ein wenig ratlos. Es hatte doch noch nie in seinem Leben mit einem Trinkhalm Blasen in Kakao gemacht. Überhaupt hatte es noch nie Kakao getrunken. "Hoffentlich läuft der Kakao nicht aus den Löchern von meinem Balg heraus." dachte sich das Örgeli. Julchen steckte dem Örgeli einen Strohhalm in den Mund und sagte: " Nun kannst Du einach da reinpusten. So wie ich." Es sprudelte und blubberte! Das Örgeli machte erst den Balg auf, und dann wieder zu, um die Luft durch den Halm zu drücken. "Heissa! Das macht Spass!" rief das Örgeli, fing an zu lachen und der Kakao bekam ganz viele Blasen. Wie bei einem Schaumbad. 




Nachdem sich die Beiden den Bauch und Balg mit Kakao vollgeschlagen haben, sagte Julchen zum Örgeli: " Ich werde Dich wieder gesund machen ! Ich schraube Dich auf, nehme Dich auseinander, und repariere alle Teile die kaputt sind. Wenn ich etwas nicht weiss, dann rufe ich den Örgeli-Doktor an, und der wird mir helfen. " Sogleich fing Julchen mit ihrem Werk an. Das Örgeli hatte ein wenig Angst, aber es war die einzige Möglichkeit um vielleicht wieder fröhlich Musik machen zu können. Julchen sagte: Und während ich dich repariere, erzählst Du mir Deine Geschichte weiter, ja?" Der Teddy und das Rösslein Hü riefen:"Dürfen wir auch dabei sein? " Natürlich durften sie. Julchen hob beide auf den Werkzeugschrank , von wo aus sie alles mitverfolgen konnten, und fing sofort an, die Holzteile abzuschrauben, und in die Nähe des Ofens zustellen. Das Holz des Örgelis musste erstmal sanft trocknen. 

                           

Julchen baute nun die Stimmstöcke aus. Alle Stimmplatten mussten gereinigt werden. Der Rost und anderer Dreck, der sich im laufe der Jahre angesammelt hatte, wurde vorsichtig abgeschabt damit die Töne wieder sauber und klar vom Örgeli gesungen werden können. Was für eine Heidenarbeit! Den Balg hängte Sie zum trocknen an eine Stange. Julchens Untermieter, eine Mäusefamilie, hatten viel Spass mit dem Örgeli. Sie kletterten hoch und runter, und führten teilweise richtige Zirkusstücke vor. Die Bande war manchmal ganz schön laut. Das alte Örgeli fühlte sich  geborgen, und war froh, dass es endlich wieder ei
n Zuhause hatte, und nicht mehr alleine war. 

                             

"Weisst Du, die kleine Pauline, sie hatte mich sehr gerne, und übte jeden Tag Lieder mit mir. Wir waren gar nicht so schlecht, " sagte das Örgeli zu Julchen. " Doch eines Tages, es war Weihnachten, da wurde alles anders." Das Örgeli wurde wieder ein wenig traurig, als es erzählte. "Wir spielten wunderschöne Weihnachtslieder und waren glücklich. Paulines Mutter sagte auf einmal: "Pauline, nun darfst Du Dein Geschenk aufmachen. " Ein riesiges Paket lag neben dem Weihnachtsbaum. das Mädchen öffnete das schöne paket und bekam leuchtende, strahlende Augen! Ein riesiges, grosses Akkordeon packte Pauline aus. Es war mit Perlmutt überzogen, glitzerte und glänzte, und hatte unglaublich viele Knöpfe. Pauline fing sogleich an zu spielen! Die Mutter sagte zu Ihr: "Ich finde Du bist nun zu gross für dieses kleine, alte Örgeli. Darum bekommst Du nun dieses richtige Akkordeon." 

                       

(demnächst gehts weiter :-)


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